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China - gelingt der Spagat? 34. Nettetaler Wirtschaftsgespräch auf Schloss Krickenbeck (archivierte Mitteilung)

Mitteilung vom: 28.11.2014

Was wir über China wissen sollten und was wir lernen können, das wollten jetzt zahlreiche Teilnehmer, vor allem aus den Bereichen Wirtschaft und Politik, wissen. Beim 34. Nettetaler Wirtschaftsgespräch im Rittersaal auf Schloss Krickenbeck brachte Marc Lauterfeld, Rechtsanwalt und Leiter der Abteilung Immobilienrecht bei Union Investment in Hamburg, den mehr als einhundert Zuhörern in einem anschaulichen, informativen und interessanten Vortrag das bekannt-unbekannte Land nahe. Lauterfeld gewährte den Anwesenden Einblicke in seine durch eigene Erfahrungen geprägten Anschauungen. Er erklärte die Unterschiede und scheinbar recht wenigen Gemeinsamkeiten zwischen dem Milliardenland China und den Ländern auf dem europäischen Kontinent. Lauterfeld konnte sich dabei als Fachmann beweisen, dessen Einschätzung des wirtschaftlichen Potentials bei den Zuhörern sehr gefragt war. Marc Lauterfeld war selbst drei Jahre als Chief Financial Officer und Chief Operating Officer in der Geschäftsführung der Fondsgesellschaft BEA Union Investment in Hongkong tätig und hat in dieser Zeit einiges über die chinesische Mentalität lernen können. Als Verantwortlicher für alle immobilienbezogenen rechtlichen Sachverhalte in insgesamt 24 Ländern und mit einem Schwerpunkt gerade auch im asiatisch-pazifischen Raum ist er auch heute noch China verbunden – nicht nur beruflich. Auch privat hat er sein Glück bei seiner chinesischen Frau Zita finden können. Dabei nahm Lauterfeld die Besucher auf seinem persönlichen Weg von Hongkong als westlich und chinesisch geprägter „Zwischenstation" zum chinesischen Kernland mit.

„China ist heute die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, aber im Durchschnitt immer noch ärmer als etwa Brasilien“, machte Lauterfeld in seinem Vortrag deutlich. Chinas Größe setze einer Fortsetzung des klassischen asiatischen Weges Grenzen. Zwar sei der Entwicklungsprozess anderer asiatischer Staaten seit den 1970`er-Jahre von China nachvollzogen worden, das Land habe aber eine solch unglaublich große Bevölkerung, dass es sich insoweit nicht mit den viel kleineren Ländern Japan oder Südkorea vergleichen könne. Die „Ein-Kind-Politik“ habe nur in einem relativ kurzen Zeitfenster geholfen, erweise sich jetzt aber als Bremsklotz, weil dadurch die erwerbsfähige Bevölkerung nicht mehr wachse. China müsse, so Lauterfeld, einen eigenen Weg finden, für den es keine Blaupause gebe. Es müsse sich zwischen kurz- und langfristigem Erfolg entscheiden und im Ergebnis zu einer neue Wachstumszusammensetzung gelangen. Dass sich diese Entscheidung insbesondere auf Deutschland auswirken werde, läge unter anderem daran, dass Deutschland mit dem überwiegenden Export von Investitionsgütern zwar hervorragend in das aktuelle Wachstumsmodell integriert sei, aber für eine stärker konsumorientierte Wirtschaft kaum Waren exportiere.

Der eigentliche Mehrwert des Vortrags lag dann darin, dass es dem Referenten gelang, den Zuhörern deutlich zu machen, dass unabhängig von den sicher auch unterschiedlichen politischen Systemen die kulturell-weltanschaulichen Grundlagen den wesentlichen Unterschied zwischen der westlichen und chinesischen Zivilisation ausmache, wobei beide ein jeweils in sich geschlossenes, logisches System bilden würden. Handeln auf westlicher Seite stehe dem Wandeln der Rahmenbedingungen auf chinesischer gegenüber – dem Denken in Modellen und ihrer Umsetzung („Theorie und Praxis“) im Westen, das Nutzen des Situationspotentials in China. Die Tradition der individuellen Freiheitsrechte führte im Westen zu einer völlig anderen Rolle des Staates als das Leitbild der Einheit der Zivilisation in China. Und so wurde es auf einmal plausibel, warum China unter der Prämisse der Einheit der Zivilisation zwar zwei Systeme in Hongkong und dem übrigen China dauerhaft dulden kann, aber Bestrebungen, die vermeintlich oder tatsächlich die Einheit des Staates gefährden, entschieden bekämpft.

Die dargestellten Auswirkungen trieben auch die Teilnehmer der Wirtschaftsgespräche um. So beschrieb Wilfried Schmitz, Geschäftsführer der in Breyell ansässigen Firma Contrinex, seine Sorge, dass der chinesische Markt eines Tages ausfallen könne. Auch das Kopieren von Markenprodukten wurde von den Gesprächsteilnehmern kritisch gesehen. Diese Kritik konnte Lauterfeld als Beispiel für die unterschiedlichen Denkweisen in den Kulturen heranziehen. Seine Erklärung, dass in China das Kopieren traditionell auch als Kompliment für den Urheber erachtet werde, löste allgemeine Erheiterung aus. Hoffnung verbreitete er mit der These, dass bei einer erfolgreichen Weiterentwicklung der Wirtschaft, China wohl auch selbst den Wert von Patenten zu schätzen lernen würde.

Andererseits relativierte er die These, dass die chinesische Bevölkerung bei weiterer Bildung und Entwicklung die Rolle der Partei zwangsläufig kritischer hinterfragen würde mit dem Hinweis auf die grundsätzlich hohe Achtung, die dem Staat als Verkörperung und Hüter der Einheit der chinesischen Zivilisation entgegengebracht werde.

„Der heutige Abend hat uns einen ganz anderen Zugang zu der chinesischen Weltanschauung gegeben und uns die Chance eröffnet, manche scheinbar fest gefügte Meinung zu hinterfragen. Damit war diese Veranstaltung ein echter Gewinn“, stellte Bürgermeister Christian Wagner abschließend fest. „Ob es China gelingt, seinen eigenen Weg zur Bewältigung der Zukunftsfragen zu gehen und ob die westlich geprägte Welt und China einen Weg des wertschätzenden und damit für beide weiterführenden Umgangs gehen werden, werden die nächsten Jahre und Jahrzehnte zeigen. Allerdings zeige das von Marc Lauterfeld erläuterte Beispiel Hongkong, dass zwei unterschiedliche Systeme durchaus fruchtbar zusammenwirken können.“

Marc Lauterfeld:

Marc Lauterfeld ist seit Juli 2013 Abteilungsleiter Immobilienrecht der Union Investment Gruppe in Hamburg. Gemeinsam mit seinem Team verantwortet er die Beratung aller immobilienbezogenen juristischen Sachverhalte im In- und Ausland. Der gelernte Bankkaufmann und Volljurist, mit Zulassung als Rechtsanwalt sowie einem LLM in International Business Law und einem MBA in Finance, bringt eine langjährige Praxis in der Abteilung Recht und Wertpapier sowie dem Vorstandsstab der Union Asset Management Holding AG in Frankfurt am Main mit. Zuletzt sammelte er von Juli 2010 bis Juni 2013 operative Auslandserfahrung als Chief Financial Officer und Chief Operating Officer in der Geschäftsführung der Fondsgesellschaft BEA Union Investment Management Ltd. in Hongkong. Marc Lauterfeld ist Dozent an der Justizakademie des Landes Nordrhein-Westfalen und Lehrbeauftragter an der Frankfurt School of Finance & Management.

Die Nettetaler Wirtschaftsgespräche:

Kompetente Referenten, interessante und aktuelle Themen, Gedankenaustausch zwischen Unternehmen und Verwaltung, branchenübergreifende Firmenkontakte: Seit 1991 finden regelmäßig in der malerischen Kulisse von Schloss Krickenbeck die Nettetaler Wirtschaftsgespräche statt. Neben interessanten, aktuellen Themen und fachkundigen Referenten steht auch das Gespräch zwischen Vertretern aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik im Vordergrund des Abends. Weitere Informationen: www.nettetal.de/wirtschaft.